Die acht Grundbegriffe der Pädagogik und ihr Zusammenhang

Lernen (Intrapersonale Ebene, kurz- und mittelfristig)
Lernen meint die Aneignung und Veränderung von Kenntnissen (Wissen), Fertigkeiten (Können) und Einstellungen und Interessen (Wollen) durch Erfahrungen aus erster oder zweiter Hand.
• umgangssprachlich: Erweiterung von Wissen durch Lehren
• kognitiv: Erweiterung/Veränderung von Wissen durch Lehren/Erfahrung
• Verhaltensorientiert: Erweiterung/Veränderung von Verhalten(-smöglichkeiten) durch
  Erfahrung (aber nicht Reifung/Ermüdung/Trunkenheit)
• pädagogisch (umfassend) Erweiterung/Veränderung psychischer
  Möglichkeiten/Dispositionen durch Erfahrung/Lehren

-> Lernen ist exogen und mental gesteuert! Elementar, Individuell und Umweltbezogen.

Zweite-Hand-Erfahrungen sind für pädagogische Einrichtungen, vor allem für die Schule kennzeichnend.
Die psychischen Dimensionen, in denen die genannten Veränderungen stattfinden, hat Benjamin Bloom in den fünfziger Jahren „kognitiv", „psychomotorisch" und „affektiv" genannt und Johann Heinrich Pestalozzi Ende des 18. Jahrhunderts bildhaft mit den Körperteilen „Kopf, „Hand" und „Herz" bezeichnet.

Kopf=kognitiv (Wissen/Kenntnis) und Hand=psychomotorisch (Können/Handeln/Fertigkeit) decken den äußerlich-sachlichen Bereich ab, das Herz=affektiv (Wollen/ Haltung/Einstellung/Emotionen/Werte) deckt den
innerlich-persönlichen Bereich ab.

Lernen meint alles, was per Kondition erworben wird, nicht was angeboren (konstitutiv) ist, wie Begabung und Temperament!!!
Lernergebnisse sind also:
- soziale Dispositionen (auf andere Personen bezogenes)
- selbstbezogene Dispositionen (auf eigene Person bezogenes)
- sachbezogene Dispositionen (auf sächliche Umwelt bezogenes)
=> Erziehungsinhalte!!!!
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Entwicklung (Intrapersonale Ebene, langfristig und über Jahre)
Entwicklung meint die Veränderung der Persönlichkeit im Lebens(ver)lauf durch Lernen und Reifen.

Persönlichkeit ist das individuelle Gefüge aller psychischer Möglichkeiten/Dispositionen
(Einstellungen/Interessen und Kenntnisse/Fertigkeiten), meint aber nicht:
- herausragende Persönlichkeit in der Umgangssprache
- angeborenes Temperament

Reifen: verschiedene endogene, genetisch gesteuerte Prozesse der Veränderung physischer und psychischer Möglichkeiten/Dispositionen durch Entfaltung und Entwicklung (Altern und Wachsen).

Im Vergleich/Gegensatz zu Lernen:
Entwicklung i.e.S (Reifen) ist endogen und genetisch gesteuert! Total statt Elementar (bezogen auf ganze Persönlichkeit), eine Verkettung/Folge von Veränderungen, und Personbezogen (statt Umweltbezogen).

Entwicklung ist Lernen und Reifen!
Nach Pestalozzi wird der Mensch durch das Lernen von der Umwelt „Werk der Gesellschaft", durch das Reifen aufgrund von Anlagen „Werk der Natur", und durch seine - zusätzlich - eigenen Entscheidungen zum „Werk seiner selbst". Pädagogisch weist Entwicklung immer auf eine normative Verbesserung hin und nicht auf bloße Veränderung!
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Enkulturation (Makrosoziale Ebene)
Enkulturation meint das Lernen einer Kultur oder die Entwicklung in die Kultur. (Pädagogischer Mittelpunkt, Begriff von Kulturanthropologie übernommen, Bildung: Wissen über Kultur)
(Akkulturation ist das Lernen einer fremden Kultur)
Im Vergleich/Gegensatz zur Entwicklung:

Enkulturation geht von der Gesellschaft aus (exogen), ist das Lernen von nur Altem, also nur reproduktiv.
Entwicklung geht vom Individuum aus [Reifen] (endogen) und ist das Lernen von Altem und Neuem, also produktiv (und auch reproduktiv).

Kultur besteht aus drei ineinander verwobenen Elementen:
- den künstlichen Dingen (sächliche Kultur, materiell), Gebäude/Geräte/Kleidung/Texte
  /Bilder
- menschlichen Verhaltensweisen (personale Kultur, immateriell) Sitten/Bräuche/Riten
  /Sprechweisen
- und Dispositionen (mentale Kultur, immateriell) Wissen/Werte/Normen
  /Gewohnheiten/Techniken

Lernen lässt sich nur die immaterielle Kultur: die beobachtbare personale und die nicht beobachtbare mentale Kultur.

-> Enkulturation als Verwandlung der Persönlichkeit durch Lernen
-> Entwicklung in die Kultur (Lernen der Kultur, Anpassung) als Vergesellschaftung und -> „Entwicklung durch die Kultur" (Aneignung) als Individualisierung

Im Gegensatz oder als Ergänzung zur Sozialisation, ist "Autonomie" das Ergebnisziel, nicht "Kompetenz".
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Sozialisation (Makrosoziale Ebene)
Sozialisation meint das Lernen (Verinnerlichen) der Werte und Normen als einen Teil der mentalen Kultur.
- ist ein lebenslanger Prozess der Eingliederung eines Individuums in die
  Gesellschaft/Kultur
- ist soziale Entwicklung als Prozess der Entstehung/Entwicklung der Persönlichkeit in
  wechselseitiger Abhängigkeit der inneren Dispositionen (körperliche/psychische
  Strukturen und Vermittlung der äußeren materialen Umwelt durch die Gesellschaft)
- Ziel ist die Entwicklung zu einem gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekt
-->Kompetenz!

Sozialisation erfolgt als „Sozialwerdung" (soziales Lernen und Soziales Lernen) im Unterschied zur „Sozialmachung" (Erziehung) eher unbewusst und ungeplant.

soziales Lernen: Wie lerne ich, Umgang mit etwas, Lernmodus
Soziales Lernen: Enkulturation als allgemeiner Lerninhalt und Sozialisation als besonderer Inhalt

Sozialisation ist Enkulturation, ist Teil der Enkulturation (und umgekehrt) und steht auf gleicher Ebene
neben Enkulturation (untrennbares Begriffspaar)

Es gibt vier Sozialisationsebenen:
    - Gesellschaft (makrosozial)
    - Organisationen (mesosozial)
    - Interaktionen (mikrosozial / interpersonal)
    - Individuum (intrapersonal)

Es gibt 3 Systeme der Sozialisation:
    - Makrosystem: Gesellschaft
    - Mesosysteme: Kindergarten, Schule, Betrieb
    - Mikrosysteme: Familie, Freunde, Medien

Es gibt 3 Sozialisationsphasen:
    - Primäre, bis Schulbeginn (Kindergarten, Familie, Nachbarn, Medien)
    - Sekundäre: bis Schulende (Schule und Freizeit, Familie, Nachbarn, Peers, Medien)
    - Tertiäre, ab Schulende (Uni/Betrieb und Freizeit, Familie, Nachbarn, Bezugsgruppe, Medien)
      (ist aber nur noch Anpassung der Rollen, nicht mehr Lernen der Rollen!)
    - Quartäre Phase, das Lernen des Alterns und Altseins als neue Rolle in modernen Gesellschaften

Es gibt 3 Sozialisationsinstanzen (nach Hurrelmann):
    - Primäre: Familie und Verwandte
    - Sekundäre: Kindergarten, Schule
    - Tertiäre: Peers, Medien
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Erziehung i.e.S (Pädagogik. Mikrosoziale Ebene)
Unter Erziehung werden Handlungen verstanden, durch die Erwachsene bewusst und Erfolgversprechend versuchen, die soziale Persönlichkeit oder Sozialisation von Kindern und Jugendlichen direkt oder indirekt zu fördern.

Formen:
1) Intentionale (Von der Absicht her betrachtet), 2) Funktionale (Von der Wirkung her betrachtet), 3) Generationserziehung (nur, aber überall dort, wo Kindheit in der Gesellschaft abläuft, Voraussetzungen sind die biologische und die soziale Tatsache. Erziehung ist hier die Summe der Reaktionen einer Gesellschaft auf
diese Tatsachen), 4) Lebenslange Erziehung (Alle erziehen Alle überall)

Der Erziehungsbegriff bleibt mehrdeutig, weil entweder die Persönlichkeit insgesamt (=Erziehung im weiteren Sinne) oder die soziale Persönlichkeit (Soziale Einstellungen /Interessen/Fertigkeiten/Gewohnheiten) oder innere Persönlichkeit (Ich-bezogene Einstellungen /Interessen allgemein = Erziehung im engeren Sinne) oder die innere soziale Persönlichkeit (= Erziehung im engsten Sinne. Nicht Rolle, sondern "Gewissen" betreffend) im Vordergrund steht.
Im letzten Fall spricht man auch von der „moralischen Erziehung", also eine „kleine Sozialisation".

Erziehung erfolgt direkt (Rousseau: Erziehung durch die Menschen, auf den Zu-Erziehenden gerichtet) oder indirekt (über die Rahmenbedingungen = Erziehung durch die Dinge, oder das Beispiel (Auf sich selbst als Erziehender gerichtet, Vorbild sein).
Sie kann positiv oder negativ ausgerichtet sein und so das Fördern und Hervorlocken bzw. das Gegenwirken und Verhüten von Persönlichkeitselementen beinhalten.

Hervorlocken und Verhüten zielen auf noch nicht Vorhandenes ab! Fördern und Gegenwirken zielt auf schon vorhandene Dispositionen!
Erziehungsstil ist hier „Führen" nach Schleiermacher.
Im Gegensatz dazu ist beim „Wachsenlassen" positives Handeln das Belassen und negatives Handeln das Unterlassen. Beide male ist jeweils schon etwas vorhanden als Disposition im Zu-Erziehenden.
(Unterscheide: Unterlassen im engen Sinne: etwas unverändert lassen. Im weiteren Sinne: Unterlassung einer Verhinderung, also in die Veränderung eines Zustandes nicht eingreifen!)

Erziehungswirklichkeit hat mehrere Aspekte:
Zu-Erziehend(r), Erzieher, Erziehungsinhalte, Erziehungsmittel, Erziehungs- bedingungen, Erziehungsziel, Erziehungsbedarf

Erziehungsinhalte: (siehe „Lernen")
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Lehren (Mikrosoziale Ebene, Erziehung i.w.S.)
Unter Lehren werden Handlungen verstanden, durch die, unabhängig vom Lebensalter, äußerliche Persönlichkeitselemente (Wissen und Können) gefördert werden, sach-, aber auch personenbezogen.
Lehren erfolgt nichtorganisiert und situativ und meist nur für Einzelne.

Gegensatz zur Erziehung:
hier werden noch soziale Dispositionen, also innere Persönlichkeitselemente (Bereitschaft/Wollen und Haltung) gefördert.

Gegensafe zum Unterricht:
Unterricht ist intentional und organisiert.

Gegensatz zum Lernen:
Lehren ist Darbietung oder Aufgeben, Lernen ist Aufnehmen oder Erarbeiten
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Unterricht (Ausbildunq/(Lehre) und Erziehung i.w.S, Lehren und Lernen. Mesosoziale Ebene)
Unterricht ist intentionales, organisiertes Lehren und Lernen, als Schulunterricht noch zusätzlich
professionalisiert. Ist direktes positives Lehren, also Hervorlocken und meist symbolisches Lehren.
Lehren und Lernen in und mit Sprache: symbolisch, abstrakt-symbolisch
Lehren und Lernen an und mit Bildern: ikonisch, konkret-symbolisch
Lehren und Lernen in und an der Realität: enaktisch, konkret-real

Lehren ist Darbietung (Vortragen, Vorführen, Vormachen) mit Lernen als Aufnehmen
Lehren ist Aufgeben mit Lernen als Erarbeiten (Lesen/Schreiben, Simulieren, Gestalten, Tun)

Sozialstrukturen:
Einzelarbeit: Musikschule
Partnerarbeit: Kleingruppen als Primärgruppen wie Familie, Peer-group, Team = natürliche Gruppen
Gruppenarbeit. Kleingruppen als Sekundärgruppen wie Klassen, Workshops, Seminare = künstliche
Gruppen (bis 30/40 Personen)
Plenumsarbeit: Massenunterricht, Vorträge und Vorlesungen > 30 bis 40 Personen

Unterricht als Schulunterricht (Schulpädagogik) ist:
- Gruppenunterricht in Sekundärgruppen
- Jahrgangsunterricht einer Alterskohorte
- Formeller Unterricht mit rechtlich anerkannten Prüfungen

Unterricht als Ausbildung (Berufspädagogik) und Fortbildung (Erwachsenenpädagogik) ist:
- Schulunterricht UND Lehre (Hochschulpädagogik in Theoretischer Hinsicht, Betriebspädagogik in
praktischer Hinsicht)

Ablauf-Struktur
1. Entscheidung - Wozu und Was (Intention/Ziele und Thema/Inhalte)
2. Entscheidung - Wie und Womit (Methoden und Medien)
3. Bedingung - Wer und Wen (Anthropogene Struktur und personaler Rahmen)
4. Bedingung - Wo und Wann (Situation/Sozialkultureller Rahmen und Institutionaler Rahmen)
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Bildung (Inrapersonale Ebene, Mikrosoziale und Mesosoziale Ebene UND Ziel)
Bildung ist ein mehrdeutiger Begriff: Er kann
- als Prozess des Bildens (aktuelle Bildung, bilden)
- oder als Resultat des Gebildetseins (habituelle Bildung),
- oder als Selbstbildung (reflexive Bildung)
- oder Fremdbildung (transitive Bildung)
verstanden werden.

Des Weiteren auch noch als:
- Bildung der Fähigkeiten (formale Bildung)
Instrumentelle Fähigkeiten, Methoden beherrschen
- oder des Wissens (materiale Bildung)
Enzyklopädische Anhäufung
- oder als Allgemeinbildung
Allgemeinwissen, Schlüsselqualifikationen, Selbstverwirklichtsein
- oder Spezialbildung
berufliche Qualifikation, berufliche Kompetenz, Rollen angemessen ausfüllen können
- oder Bildung von Urteilskraft (eine Art „Meta-Bildung")
Stellung nehmen können, Perspektive wechseln können
verstanden werden.

Als Prozess der Fremdbildung ähnelt der Begriff der Erziehung und vor allem dem Lehren.
Als Resultat der Fremdbildung ähnelt der Begriff dem der Kompetenz und als Resultat der Selbstbildung dem der Autonomie (-->den Zielen pädagogischen Handelns!)

Es ist pädagogisch deshalb sinnvoll, Bildung auf den Prozess der Selbstbildung zu begrenzen, also auf
die Intrapersonale Ebene des Individuums und seine Entwicklung und den Begriff des Lernens bezogen!!!
Als Resultat ist Bildung auf Fremdbildung und Selbstbildung zu beziehen.

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Kompetenz (Ergebnisziel auf nahezu allen Ebenen)
Abgrenzung zu dem Begriff "Fähigkeit":
Während Fähigkeiten meist routiniert ablaufen, zeigt sich Kompetenz im gezielten, planvolleren Vorgehen beim Einsatz einer Fähigkeit in einem spezifischen Kontext. Fähigkeit meint eine grundsätzliche Befähigung zu einer Sache, Kompetenz die tatsächliche kontextabhängige Leistung / Handlung.

Am treffendsten ist die von dem DeSeCo-Projekt der OECD genutzte Definition (übersetzt aus dem englischen Original von Rychen / Salganik 2003, 43; 51f.), in Verbindung mit einer Definition von Erpenbeck (2003, 365) und eigenen Anteilen:

"Demnach sind Kompetenzen alle bewusst eingesetzten Fähigkeiten, die komplexen Anforderungen in spezifischen Situationen gerecht werden. Kompetentes menschliches Handeln erfordert Selbstorganisation und impliziert den Einsatz von Wissen (kognitive Aspekte) und Fertigkeiten (sensumotorische Aspekte) genauso, wie den Einsatz von Verhaltens- und sozialen  Komponenten, also Haltungen, Gefühle, Motivationen und Werte."

Diese ganzheitliche Komposition entspricht in etwa den Begriffsbestimmungen in den Bereichen der Pädagogik und Erwachsenenbildung und bedient sich der wichtigsten Bausteine der Definitionen zentraler Bezugswissenschaften der Medienpädagogik. Sie dient als Basis für eine weiterführende Betrachtung der medienbezogenen Kompetenzbereiche.


--> Noch einmal: Ziele pädagogischen Handelns
Handlungsziel pädagogischen Handelns, d.h. von Erziehung und Lehren, ist es, Lernen zu ermöglichen:
Veränderungen des Wissens und Könnens (äußerlich-sachliche Dispositionen) und der Haltungen & Bereitschaften (innerlich-persönliche Dispositionen).
Ergebnisziel ist Kompetenz, d. h. Handlungs- und Verantwortungsfähigkeit und -bereitschaft zur Selbständigkeit/Mündigkeit/Reife.
In den modernen westlichen Nationen wird obendrein Autonomie als Ergebnis angezielt, d.h. Urteils- und Entscheidungskompetenz zur Selbstbestimmung/Eigenständigkeit sowie Mündigkeit/Reife.

Im ganzen wird auch die Solidarität als politisches, nicht-pädagogisches Ziel angestrebt.

Paradox: Autonomie schürt eher Distanz und Separatheit, statt Verbundenheit und Nähe -> westliche Kulturen müssen diesen Konflikt überwinden.

 

Aktueller Diskurs

In einer gerade erschienenen Inauguraldissertation [Bender, Claus (2010): Bildung in Medienwelten? Eine biografieanalytische Studie zu Lern- und Bildungsprozessen bei Homosexuellen im Internet] folgt der Autor Prof. Dr. Stefan Aufenanger in der Differenzierung der Begriffe Medienbildung und Medienkompetenz dahingehend, dass Bildung als lebenslanger Prozess ÜBER dem seitens einer Wissensgesellschaft verankerten Begriff Kompetenz anzusiedeln sei.

Dies ist in mehrerer Hinsicht zu hinterfragen:
Erstens: Bildung ist ein lebenslanger Prozess, aber Kompetenz ist ein schemenhaftes Abbild der Handlungsebene dieses Prozesses, auf der sich erst zeigt, wie Bildung wirkt. Erst auf der beobachtbaren Performanzebene kann ich diesen Teil der der Bildung konkret beobachten und bewerten. Bildung bezieht sich nur auf Wissen und Wissenserwerb, Kompetenz beinhaltet immer auch Fertigkeiten in Bezug auf deren Anwendung in sozialen Kontexten unter den Bedingungen innerpsychischer und charakterlicher Eigenschaften. Wie kann also Bildung höher als Kompetenz angesiedelt werden?

Zweitens: Für die wissenschaftliche Bewertung (Studien, Evaluation) kann ich mit Bildung als Prozess des Lernens (Pädagogische Betrachtung, s.o.) wohl kaum Ergebnisse bewerten. Kompetenz ist bei klarer Definition aber Ergebnis von Lernen und kann auf der Performanzebene beobachtet und bewertet werden.

Drittens: Für die Zielstellung pädagogischer Interventionen eignen sich zwar auch Bildungsziele, aber insgesamt greift diese Einstellung dann viel zu kurz. Man würde in diesem Fall statt dem Ergebnisziel "Kompetenz" nur auf der Wissensebene Ziele erreichen wollen, die dann genau das Phänomen des Schulsystems "Unterricht" aufweisen würden: Qualifizierung in festgelegten gesellschaftlichen Bereichen mit Zertifikat aber ohne Bezug zu eigentlich gesellschaftlicher Realität. Man vergisst hier wieder das Individuum und dessen Alltag bzw. Lebenswelt. Für die Bildung ist ein Lern-Setting und Lernort vorhanden. Mein erworbenes Wissen kann ich da zeigen und an den dafür vorgesehenen Orten (Beruf, Uni...). Aber die Pädagogik will doch viel mehr als das. Mit Kompetenz kann ich mein Wissen unabhängig von Orten zeigen und anwenden. Das sollte Ziel sein!

Viertens: Ein gebildeter Mensch ist nicht gleichzeitig ein kompetenter Mensch. Das simpelste Beispiel liefern hier Menschen mit Psychosen. Sie können durchaus (und sind es auch meistens) sehr gebildet sein. Ihr Wissensumfang, die Qualität des Wissens und deren Fertigkeiten in der Anwendung von Wissen können sehr ausgeprägt sein.
Dennoch sind sie nicht immer kompetent! Warum? Weil sie in den Phasen ihrer psychotischen Zustände nichts oder nicht alles von ihrer Bildung zeigen können.

Nochmal: Kompetenz meint die Fähigkeit, jederzeit auf allen Ebenen (Soziale, Intrapersonale und Gesellschaftliche Ebene) möglichst gleich "gut" handeln zu können. Wie also soll nun Bildung als wichtiger Begriff der Pädagogik (Erziehungsinhalt und Ziel von Erziehung) in irgendeiner Form ÜBER Kompetenz stehen (Ergebnisziel der Pädagogik)?
Die Begriffe SIND sich (siehe Definition Bildung) ähnlich, aber Bildung kann nicht über Kompetenz stehen, in keiner Hinsicht.