Was ist Medienpädagogik?
Da der Titel Medienpädagoge nicht rechtlich geschützt ist und keinerlei Bedingungen an Qualifikation stellt, begegne ich in letzter Zeit immer wieder Kollegen und Kolleginnen sowie Projekten, die sich mit Medienpädagogik beschäftigen, aber genau genommen NICHTS damit zu tun haben.
Medienpädagogische Projekte sind dann medienpädagogisch, wenn:
1. Mit Medien gearbeitet wird (allgemeine Mediendidaktik)
2. Mit Medien derart gearbeitet wird, dass medientypische Stilmittel vermittelt und aktiv/praktisch angewandt werden (Medienspezifisches Wissen, Medienspezifische Fertigkeiten)
3. Inhalte medienspezifisch aufbereitet werden (spezielle Mediendidaktik) und dabei die Medienmittel kritisch betrachtet werden, vor allem in Bezug auf die Wirklichkeitskonstruktion
4. Die betreffenden Medien, mit denen gearbeitet wird, ebenfalls thematisiert werden, kritisch betrachtet werden und auf ihre Wirkung hin beim Rezipienten betrachtet werden (antizipierte Zuschauersicht)
Oft werden (gute) pädagogische Projekte durchgeführt, die lediglich den ersten oder (noch seltener) die beiden ersten o. g. Punkte erfüllen. Das mindert nicht die Qualität der Arbeiten und Inhalte, schließt aber Medienpädagogik i. e. S. aus.
Zentral bedingt Medienpädagogik immer die Thematisierung des Mediums/der Medien mit dem/ denen gearbeitet wird. Alles andere ist Pädagogik mit Einbezug allgemeiner Mediendidaktik. Im Übrigen ist auch Kreide ein Medium, mit dem Tafelbilder zur Kommunikation angefertigt werden. Didaktisch lediglich ein anderes Medium, das eigenspezifische Mittel zur Aufbereitung von Inhalten bietet, aber auf einer Ebene mit den technischen Medien mit Videokamera, Fotoapparat etc. steht.
Genau das ist der Grund, dass das Medium thematisiert werden MUSS, damit ein Projekt im Bereich Medienpädagogik verankert werden kann, da sonst die bloße Didaktik, statt der kritische Diskurs im Fokus stehen. Bewusstes Planen von Medienpädagogischen Projekten setzt den Einbezug aller Dimensionen von Medienkompetenz (Hauptziel medienpädagogischen Handelns) voraus.
„Erst das Wissen, wozu man das
Mittel braucht, macht uns zu seinem Herrn“
[von Hentig (2002): Medienkompetenz.
Der technischen Zivilisation gewachsen bleiben: Nachdenken über die neuen
Medien und das gar nicht mehr allmähliche Verschwinden der Wirklichkeit, S.
198.]
Medienpädagogische Projektarbeit:
Seminare, die Grundlagen im Medienbereich vermitteln sind zuerst einmal nicht gleich medienpädagogisch nur weil man als Medienpädagoge das Seminar anleitet. Ohne vorher festgelegte Ziele (die das Leitziel Medienkompetenz-Förderung mittragen) ist alles (aktive) Medienarbeit und verortet sich in der Medienbildung.
Diese Art Seminare und Workshops machen sogar einen Großteil meiner eigenen Arbeit aus, sind dennoch nicht medienpädagogisch.
Beispiele sind Kameraworkshops, Schnittseminare etc.
Auch das Projekt Bewegte Bewerbung, das sogar ein Medien-Produkt zum Ergebnis hat, ist nicht medienpädagogisch i.e.S.. Im Mittelpunkt steht hier nicht das Medium Film, sondern Videoarbeit und das Ergebnis "Bewerbungsvideo" ist Mittel zum Zweck andere pädagogische Ziele umzusetzen. Video ist didaktisches Mittel, um Selbst- und Fremdwahrnehmung zu steigern, Präsentation der eigenen Person zu reflektieren und Selbstbewusstsein zu stärken.
Medienpädagogen arbeiten also zwar immer mit Medien und setzen diese auch (gekonnt) ein, erzeugen aber sicher nicht automatisch medienpädagogische Projekte dadurch.
Grenzfälle sind alle Projekte im Jugendmedienschutz (oft Internet, Handy, Chat etc.), da das Gesamtthema medienpädagogisch ist, aber die Projekte oftmals nur als Workshop mit stark aufklärendem Unterrichtscharakter stattfinden. Es wird auch meistens kein Produkt erstellt, das das Medium dann noch mal konkret behandelt. Wenn ein Film erstellt wird, der das Thema (z.B. Mobbing, Pädophilie etc.) darstellt, ist das auch kein medienpädagogisches Produkt, da Film nur didaktisches Mittel für den anderen medienpädagogischen Schwerpunkt ist und nicht Hauptthema. Um hier ein medienpädagogisches Projekt im engsten Sinne anzubieten, müsste eine eigenes Medienprodukt (oder mehrere) erstellt werden, das in engem Zusammenhang zum Thema steht und die aktive Medienarbeit diesbezüglich darstellt. Statt "nur" aufzuklären und zu informieren und zu diskutieren, könnte man eine Website erstellen, die einen moderierten Chat enthält oder peinliche Filme oder falsche Aussagen über sich oder über andere Kursteilnehmer veröffentlichen auf der eigenen Seite, um die Wirkungen zu hinterfragen, die spezifische Mittel erzeugen im Sinne der Wirklichkeitskonstruktion. Kontext, Inhalt, Medienmittel müssen zusammenwirken, um die Inszenierung aufzuzeigen, die diesem Medium innewohnt!
Das dies schwer ist zu realisieren und die Projektarbeit dadurch auch technischer und arbeitsintensiver wird, steht außer Frage. Für diesen Bereich des Jugendmedienschutzes ergeben sich somit Ausnahmesituationen einer "perfekten" Medienpädagogik. Dennoch sollte man sich darüber bewusst sein, dass Aufklärung dahingehend alleine noch nicht Medienpädagogik ist, sondern Pädagogik mit einem Medienthema.
Warum ein Produkt erstellen?
Allgemein: Selbstwirksamkeit erhöhen, Erfolgsobjekt schaffen, erfahrbares Erlebnis von Produktionsprozess bis Endprodukt schaffen, Präsentationsmöglichkeiten schaffen zur Erhöhung von Identifikation mit dem Endprodukt, Medienprodukte haben materiellen Bestand, Medienprodukte sind Gegenstand von Reflexion.
Medienpädagogisch: Spezifische Reflexion des Produktes
hinsichtlich seiner Wirkung und der eingesetzten Mittel (Inszenierung),
Wirklichkeitskonstruktion betrachten, Identifikation und kritische Distanz
als innere Haltung erzeugen und am Produkt aufzeigbar. Wissen (Bildung) und
Fertigkeiten (körperlich-motorisches) sind im Produkt als erworbene
Fähigkeit impliziert ablesbar.
(Kompetenz ergäbe sich aber erst aus Wiederholung erlernter anzuwendender
Fähigkeiten bei Erstellung weiterer (qualitativ niveauvoller)
Medienprodukte, idealerweise in unterschiedlichen Kontexten, sozialen
Situation und persönlicher Verfassungen).
Ohne Produkt:
(Medien)Kompetenzen können NICHT nur theoretisch gefördert werden, sondern umfassen den Einbezug aller innerspsychischen und sensumotorischen Elemente und sind immer den Einflüssen sozialer Umwelt anzupassen damit auch immer erst mit aktiver Medienarbeit förderbar. Erfahrung umfasst den ganzen Menschen!
Theoretisch, also ohne die aktive produzierende Komponenete, kann immer "nur" Wissen und damit Bildung gefördert werden, niemals Kompetenz und niemals Autonomie!
Wenn man zu einem Medienprojekt folgende Fragen gut beantworten kann, ist es sehr wahrscheinlich auch ein medienpädagogisches Projekt, das im engsten Sinne den Zielen der Medienpädagogik entspricht:
Wessen
Medienkompetenz wird durch welches Vorgehen gefördert?
Lehre – Methoden, Settings, Didaktik
Welche Medienmittel gibt es und wie wurde gelernt, diese adäquat zu nutzen?
Medienkunde – Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Nutzung und
Bedienung
Mit welchen Medienmitteln wird bewußt Wirklichkeit erzeugt?
Medienwirkung – Was wirkt warum? Wie wirkt es?
Wie wird der kritische Blick auf mögliche Manipulationen durch den Einsatz
spezifischer Medienmittel geschärft?
Medienkritik – Was wird als Auswahl gezeigt, was wird weggelassen? Was
erfährt der
Zuschauer, was nicht? Warum soll er es erfahren, warum nicht?
Wie wurde das Thema kreativ und medienspezifisch umgesetzt?
Genussfähigkeiten – Eigene Ideen einbringen, Identifikation mit medialem
Produkt